Anne Müller, Martin Müller – eher sandig

01. September 2020 – 30. September 2020
Johanniskirche in Brandenburg an der Havel

Ein multimediales, offenes Atelier
Malerei, Performance, Video, Musik, Zeichnung

Beschreibung einer Ausstellung

Donnerstagabend, 18:55 Uhr betrete ich die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel durch das im Jahr 2015 neu geschaffene gläserne Portal. Die große Leere dieses Raumes überrascht mich immer wieder. Nach nur wenigen Schritten werde ich abrupt gestoppt: eine große Taschenlampe am Boden weist mit ihrem Schein einer langen Papierschnur den Weg in das Innere. Ich lege mich fest und beschließe, dass es sich bei der Papierrolle um die Rolle einer Kasse handelt, auf der normalerweise die Preise unseres täglichen Konsums aufgezeichnet werden. In ihrem Verlauf knäuelt sich die Rolle zweimal kräftig unentwirrbar, findet aber Auswege und endet auf einem Tisch, an dem eine Frau sitzt, die fast reglos in Richtung des gläsernen Portals schaut, ja starrt.

Im Hintergrund plätschert aus einer Lautsprecheranlage irgendeine Flüssigkeit, es tickt eine Uhr und hin und wieder haucht eine Frauenstimme zarte Töne dazwischen. Die am Tisch sitzende Frau malt sich in Zeitlupenbewegung die Lippen an, stellt den Lippenstift beiseite, beugt sich zu dem Papier zwischen ihren Fingern und küsst einen roten Abdruck darauf. Anschließend drückt sie mit dem rechten Fuß auf ein darunter liegendes Stück Alufolie und erzeugt dabei ein knisterndes Geräusch. Dann rollt sie das Papier ein Stück weiter auf, der Kussmund verschwindet im Inneren der Papierrolle. Es folgt das Starren durch den Raum. Neben ihr auf einer Videoprojektion sind Füße und ein Glas Wasser zu sehen.

An der Wand zur Rechten großformatige auf Leinwand aufgezogene Photos, hin und wieder mit Farbe (und dickeren Farbklecksen) übermalt und mit englischen und spanischen (?) Worten und Sätzen (?) ergänzt. Mit einem großformatigen sauberen Pinsel befreit ein Mann mit äußerster Gelassenheit und Ruhe die Oberkanten der Bilder vom Staub (des Tages). Am Ende des Raumes ein Tisch mit gerahmten Zeichnungen.

Anne Müller + Martin Müller - eher sandig - September 2020

PLÖTZLICH klingelt ein Wecker. Eine handelsübliche gelbe Eieruhr, die neben einem Mikrofon am Boden zu Füßen der Frau steht, ist Ursache für das Ticken und Klingeln. Die Frau stellt in gewohnter Langsamkeit die Uhr neu und wendet sich wieder dem Aufrollen der Kassenrolle und dem Lippenstift und den zärtlichen Küssen für das Papier und dem anschließenden Fußknistern zu. All das wiederholt sich, wie der Loop der Geräusche im Hintergrund.

Um 19:13 Uhr erfasst mich stärker als zuvor die Leere des Raumes und ich entwische durch eine Seitentür.

Matti M. Matthes // September 2020

Weiterführende Links

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Büro Müller